Vor einigen Wochen weckte ein Weltspiegel-Bericht (inkl. Video: Abrackprämie für Kairoer Taxen) schöne Erinnerungen an meine Tour durch Ägypten im Dezember 2008.
Da ich Weihnachten weder religiös noch kommerziell zelebriere, entschloss ich mich, wie auch schon im Dezember des vorangegangenen Jahres, zu einem Trip. War es im Dezember 2008 ein dreiwöchiger Aufenthalt in Barcelona, so sollte es in 2009 etwas weiter weg werden.
So fiel die Entscheidung auf Ägypten. Trotz der Verlockungen des Roten Meeres, der Hotelvielfalt in Hurghada und europäisiertem All-Inclusive-Service auf den unzähligen Nil-Kreuzfahrtschiffen, blieb ich meinem Prinzip treu: möglichst abseits der ausgetretenen Touristenpfade zu wandeln, nah bei den Einheimischen zu sein, sich mit Ihnen auszutauschen. Dazu gehört eben auch, dass es keine Vollpension-Strandhotels sind mit Inhouse-Animation und durchgeplanten Sightseing-Tourangeboten. Statt dessen heisst meine Devise: einfache Hotels/Pensionen/Herbergen ohne Frühstück in zentraler Lage. So kann man die jeweilige Stadt effektiver erlaufen und muss – hungrigerweise – hier und dort einkehren, um mit lokale Leckereien dem Loch im Magen Linderung zu verschaffen. Ich will eben das Land und die “Ureinwohner” kennen lernen, Ihre Küche erschmecken. Ich will eben nicht wirklich Landsleute und übrige Touris in europäisiertes Athmosphäre kennenlernen.
Es ist völlig legitim, dass jemand zwecks Zerstreuungsfindung das in Ägypten befindliche Hurghada und Sharm-el-Sheik zum Ziel erklärt. Ich behaupte aber, dass es der Unwahrheit entspricht, wenn dann behauptet wird: “Ich war in Ägypten, und es ist ja ein sooo schönes Land. Die Menschen, das Essen, die Natur, das Meer….”. Um dies behaupten zu können, müsste man mehr gesehen und erlebt haben. Die anderen Seiten, die Ecken und Winkel, die noch nicht vom Tourismus erfasst und glattgeschliffen sind. Man muss es eben wollen. Wenn nicht, ist es auch okay. Einstellungssache.
Zurück zum Bericht. Dort berichtet der Afrika-Korrespondent von der Einführung der Abwrackprämie in Ägypten (eigentlich nur Kairo) – mit dem Ziel, den Verkehr sicherer und die Luft sauberer zu machen! Oh mann, die Taxis in Ägypten sind eine Sache für sich! Ich kenne ja den türkischen Metropolenverkehr und den Beitrag der dortigen Taxen zur Verkehrs- und Nervenbelastung. Aber meine Taxi-Beifahrerfahrungen in Kairo, Luxor und Alexandria werden stets einen besonderen Platz in meinen Hirnwindungen haben.

Taxi in Kairo
Nach knapp über 3 stündigem Flug mit einem Pseudo-Billigflieger ab Köln landete ich im noch alten Trakt des Kairoer Flughafen. Nach Einkauf des Sticker-Visums für den Reisepass, der Quälerei durch die Passkontrolle, erfolgte schon die überschwängliche Begrüssung – durch Taxifahrer und Taxikunden-Vermittler. Das ganze hat schon fast mafiöse Strukturen (konkrete Beweise habe ich nicht); der arme, nicht-polyglotte Taxifahrer bekommt von einem fast-englischsprachigen Landsmann Kunden vermittelt.
Nach zähem Handeln und der Notwendigkeit eine Station mit dem Bus zum entlegenen Parkplatz fahren zu müssen, teilte ich mir – unerwarteterweise – mein Taxi mit einem korpulenten, alten, arabischsprachigen Mann und seinem Enkel. Welch altes, dreckiges Taxi! Welch unsichere, klapprige Rostlaube. Der Wagen bewegte sich zwar fort, doch nichts, aber auch gar nichts funktionierte an dem gefährt so, wie es der TÜV hierzulande hinsichtlich der Straßenverkehrsordnung voraussetzen würde. Was auch nicht wirklich funktionierte – die Kommunikation. Der uralte Fahrer versteht nunmal kein Englisch, den Kairoer Stadtplan kann er auch nicht lesen, denn er ist Analphabet (egal, ob arabische oder lateinische Schriftzeichen).
So las ich den Namen der Straße und des benachbarten Platzes laut vor und bemühte mich einer properen arabischen Aussprache, so wie es mich mein Vater einst lehrte.
Letztenendes, auch mit den Zurufen der Mitfahrer auf der Hinterbank schaffte ich es nach ca. 40 min zum Midan Talaat-al-Harb, einem zentralen Platz. Der Fahrer zeigte mir die falsche Querstraße, so dass ich nach langer Suche und Herumfragerei dann doch die dunkle Seitenstraße und mein Hotel fand. Anders als der name suggerieren mag, würde kein König im Kings Palace Hotel einkehren – trotz zugewiesener “3-Sterne” (Landeskategorie!!!). Nicht nur, dass etliche Stufen des heruntergekommenen Treppenhauses überwunden werden müssen, es gäbe auch nicht genug Platz für die Entourage (s.u. Hotelbewertung).
Das ist eben Ägypten, das ist eben Kairo. Ich war nicht schockiert. Es muss so sein, es gehört dazu. Ich bin nicht pikiert, ich komme damit sehr gut klar. In den Seitenstraßen lässt sich günstig essen. Schawarma und übrige Abwandlungen von sich am Spieß drehenden Fleisches. Der hiesige Lebensmittelkontrolleur hätte da sicherlich bei dem einen oder anderen Abverkauf seine bedenken, insbesondere bei den unabgeschrimten Straßenverkäufen direkt an der Hauptstraße. Aber naja, auch das ist eben Ägypten.
Schawarma im Straßenverkauf
McDonald’s und Co haben es auch hierhin geschafft, hinzukommen regionale Fastfoodketten. Interessant auch der eine oder andere Versuch eines Cafés mit westlichem Standard. Dieser wird natürlich nicht wirklich erreicht, doch aber die Preise, die im Abendland üblich sind. Hygienestandards, so wie wir sie kennen, sind ein großes Problem. Empfindlichen ist daher anzuraten, Magentabletten, Durchfallmittel und Desinfektionssprach mitzunehmen. Ich tat dies auch, obschon ich nicht zimperlich bin. Das war für mich der Grund, warum ich nicht jedesmal zu einer ägyptischen Spezialiät griff, um meinen Hunger zu stillen. Die allzuoft unbegründete “Angst” war dann leider doch größer als die Neugier landestypische Spezialitäten zu probieren. Ein weiterer Grund war eben die Fleischlastigkeit; Ich esse eben nicht mehr so gerne Fleisch. Das Wasser aus dem Hahn sollte man grundsätzlich meiden und stattdessen, auch wenn es ärgerlich ist, auf Einweg-PET-Flaschen zurückgreifen. Die landen leider allzuoft auf dem Nil!
Ägypten ist leider einer armes Land, obwohl es sehr viel Reichtum hat – Bodenschätze, Tourismus, Suez-Kanal-Steuer und letztlich in den Köpfen der Menschen. Wie in ähnlichen Ländern gibt es auch hier ein Verteilungsproblem – bedingt durch Korruption, Vetternwirtschaft und Quasi-Absolutismus. Es hat mich schon sehr traurig gemacht, zu sehen, wie diese Armut sich im wahren Leben äußert: Obdachlosigkeit und Bettelei, Müll und Unrat in den Straßen abseits der Boulevards. Ich wollte dies sehen und ich habe es gesehen. Das ist auch Kairo, nur wird es nicht gezeigt. Ich bin mir die Füße quer durch den Moloch Kairo wund gelaufen, durch Seitenstraßen und Viertel, die nicht durch eine “Sehenswürdigkeit” locken. So schön es ist, als maßgeblich europäisch geprägter Mensch für einige Tage in diese fremde Welt einzutauchen, so ernüchternd ist es eben auch, phasenweise mit soviel Armut und Rückständigkeit konfrontiert zu werden.
Ab und an fühlte ich mich verloren, weil keiner Englisch spricht und sprechend will, und spricht man mal jemanden an, wird man ignoriert oder gar böse beäugt – weil Englisch die Sprache des Westens ist, oder um es zuzuspitzen, die der Ungläubigen? Mein südländischer Phenotyp mag mir sicher einiges erleichtert haben, aber eben nicht alles. Sich nicht immer verständigen zu können, nicht immer Schilder lesen zu können, nicht immer mit der Mentalität klar kommen zu können, ist schon ein Ärgernis. Doch man muss sich gehen lassen, man muss offen sein, lächeln, neugierig und respektvoll sein. Man darf nie vergessen, dass man in diesem Land zu Gast ist. Die westliche Prägung, die vermeintliche Leitkultur, die wirtschaftliche Überlegenheit beeindruckt dort keinen. Ich war demütig und unüberheblich und allzuoft nachgiebig. Sei Du es auch. Dann klappt es. Dann wird einem auchgeholfen, dann findet man sich mit der Zeit zurecht. Trotz fortschreitender Modernisierung und Hinwendung zu westlichen Standards war, ist und bleibt es ein muslimisches Land, mit muslimischen Werten und Normen.
Hörtipp: “Muezzin-Chaos” über Kairos Dächern (via swr.de)
Kairo, auch wenn es laut, stillstandslos und dreckig ist, ist es eine Reise wert. Kairo, das sind eben nicht nur die Pyramiden von Gizeh. Wer sich traut, kann es so wie ich machen und eben nicht ein teures Taxi oder Shuttlesbus zu den Pyramiden nehmen, sondern sich in die Metro wagen, bis zur Endhaltestelle fahren und dann sich durchfragen nach der einem Fortbewegungsmittel in die richtige Richtung. Dann geht es in ein überfülltes Sammeltaxi, hoffend, dass der “Schaffner” verstanden hat, wo ich hin will und erwartend, dass er einen individuellen Fahrpreis von mir als enttarnten Touristen verlangen wird. Aber auch mit dem einen oder anderen Tourstenaufschlag hier und dort bleibt bleibt in Ägypten die Reisekasse geschont. Es sei denn, man schafft es, so wie ich, nicht die selbsternannten Stadt- und Pyramidenführer abzuwimmeln, die mit einer nie zuvor gekannten Hartnäckigkeit so lange stalken, bis die gewünschte Zahlungsbereitschaft auf einen eingeredet wurde. So folgte ich dem kleinen dubiosen Mittzwanziger in enge, verwinkelte Gassen im Slum in Pyramiden-Nähe, bekam Sichtschutz beim Pinkeln und kam schlussendlich in seinem “Wohnhaus” an, wo der Rest der Mehrköpfigen Familie lebt – samt schlecht-gehaltener Lastentiere.
Der Kalesh (Kutsche) wurde vom alten, abgenutzen Tier abgebunden, ich wurde in den Sattel gehievt und schon ging es ab. Da das Tier nicht mehr wollte, sprang
der Führer mit auf das Pferd, ein Paar Hiebe mit den Zügeln und es galoppierten gen Pyramiden. Auch auf dem Pferd gingen die preisverhandlungen weiter – auf Grundlage
harter Euro! So großzügig ich bin, aber schröpfen lassen will ich mich nicht. Zudem tat mir das Tier leid. So bat ich ihn Schluss endlich mich dann doch wieder in die Freiheit zu entlassen, gab ihm 5 Euro und dankte ihm – was er mir dann mit landessprachlichem Lautwerden dankte. Tja.
Auch wenn die Füße schon plattgelaufen sind, nein, ich brauche keinen Kamelritt zu Touristenpreisen. Lieber erlaufe ich mir die Pyramiden nach entsprechendem
Eintritt zum umzäunten Areal nach und nach. Ich habe mir die Pyramiden größer vorgestellt, vor allem die Sphinx; ich weiß, dass ich kleiner bin als die meisten, doch je näher man rückt, desto noch kleiner wird man dann doch. In a nutshell: beeindruckend.
Pyramiden & die Sphinx [3:44m]:
Es lohnt sich zwei weitere Nächte zu verbringen und die übrigen Ecken der Stadt zu sehen. Am Nilufer flanieren, die Zitadelle besuchen, dem Imam Bakshish geben und auf das Minarett steigen dürfen. So was steht nicht im Reiseführer, man muss die Iniative ergreifen. Genauso, wie es hilft, Einheimische nach Empfehlungen zu
fragen. Besuche den Bazar, steige auf den Kairo-Tower und versuche ansatzweise die Größe der Stadt zu erahnen. Besuche das Kairo-Museum und lasse Dich beindrucken vom Prunk vergangener Tage. Sehe dort, wie reich das arme Land einst war.
Kurzvideo zu Kairo [2:57m]:
Irgendwann traut man sich über die mehrspurigen Straßen trotz mörderischen Verkehrs – weil man nicht stundenlang nach einem beampelten Fußgängerüberweg suchen will. Irgendwann kann man die Geschwindigkeit des heranrasenden Autos abschätzen, um zu wissen: bleibe ich jetzt stehen oder gehe ich weiter. Was man sonst nur aus amerikanischen Actionfilmen kennt, ist dort Alltag: rennen, stoppen, drei Schritte, wieder stoppen. Ich muss zugeben, dass das Adrenalin einem schon hochschnellt! dennoch darf man nie die Autos aus den Augen lassen. Und irgendwann, erreicht man dann den rettenden gegenüberliegenden Bordstein, manchmal gar mit Hilfe einen freundlichen Einheimischen, der einem geistesgegenwärtig – und im wahrsten Wortsinne – unter die Arme greift und rechtzeitig zur Seite zieht.
Taxifahrer in Aktion [3:51m]:
In Kairo wird nicht gebremst, es wird ausgewichen und umfahren, es wird rechts und links überholt und allzuoft wird vergessen, dass es eine Einbahnstraße ist. Wer mehr bebilderte Eindrücke sehen und staunen will, der schaue bei Youtube vorbei.
Günstig einkaufen kann man auch dort, z.B. in den Einkaufsstraßen um den Talaat-al-Harb herum. Ab und an ist auch originale Markenware dabei. Den Tag letztlich dann ausklingen lassen bei einem westpreisigen ägyptischen Bier in einem verrauchten, männerüberschüssigem Café – dazu süchtig-machende(!), salzig-eingelegte Maiskörner als Snack (ohne Glutamat!). Lecker!
Kairo war eine beindruckende, unvergleichliche Erfahrung. So, wie die übrigen Stationen auf meiner Tour:
Ägypten – Teil II: Luxor, Oase am Nil
Ägypten – Teil III: Alexandria, verblasster Glanz am Mittelmeer
weiterführende Links:
Reise- Und Sicherheitshinweise: Ägypten
Meine Hotelbewertung: Kings Palace Hotel, Kairo
[Update]
Schätze der Welt: Kairo – mit Video [14:22 min]
Kairo-Blog von Kristina Bergmann (NZZ)
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